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Mein Gebetsleben

Als mir Pfr. Jörg Schagerl den Vorschlag machte, dass ich im Gottesdienst Zeugnis über mein Gebetsleben gebe, war ich zuerst nicht so begeistert. Mit dem Thema Gebetsleben spricht er bei mir – und wahrscheinlich auch vielen anderen Christen – ein heikles Thema an. Wir alle wissen (zumindest im Kopf), dass Gebet wichtig ist. Jemand, der um die Bedeutung des Gebets offenbar Bescheid weiß, sagte einmal: „Bei keinem Christen ist das geistliche Leben tiefer als sein Gebetsleben.“ Weise Worte, und dennoch ist es ewiger Kampf mit dem Gebet!

Als ich vor 23 Jahren zum Glauben gekommen bin, genoss ich als Assistent an der Uni den Luxus der freien Zeiteinteilung. Was Christen landläufig „Stille Zeit“ nennen, erstreckte sich bei mir oft über eine gute Stunde am Morgen, ein großer Teil davon Gebet: Danke, Bitte und Fürbitte – wie ich es in Hauskreis und Gemeinde gelernt hatte. Ich führte auch Notizen darüber, und konnte damit auf die eine oder andere Gebetserhörung zurückblicken.

Dass im Gebet Qualität wichtiger als Quantität ist, habe ich beim Übergang ins Berufsleben spüren müssen. Die Arbeitszeiten in der Privatwirtschaft stellten meine bisherige Zeitgestaltung auf den Kopf, und wie so oft ging es zuerst auf Kosten der „Stillen Zeit“. Der tägliche Bibeltext und das Gebet erhielten sukzessive immer weniger Zeit, zuerst eine halbe Stunde, dann eine Viertel­stunde und zuletzt musste das Ganze parallel zum Frühstück laufen. Später hat es sich aufgeteilt: Bibeltext am Morgen, Gebet am Abend. Das Problem dabei war nur, dass am Abend das Schließen der Augen beim Beten unerwünschte Nebenwirkungen haben kann: nämlich dass man dabei einschläft.

Bis zum heutigen Tag ist das Thema Gebet eine Herausforderung geblieben. Der Bibeltext am Morgen ist etabliert und gehört dazu, das Gebet hingegen sucht immer noch seinen Platz im Tagesablauf.

Auf der Suche nach einer Lösung hilft mir die Frage, die mir meine Frau gestellt hat: „Was ist Gebet für dich?“ Gebet ist und war für mich immer schon Reden mit Gott. Insofern erscheint es seltsam, dieses Reden auf eine Art „Sprechstunde“ am Morgen oder am Abend festzulegen. Mit seinem Partner spricht man doch auch, wann etwas ansteht, oder? Aus dem heraus versuche ich Gebet kleinweise über den Tag unterzubringen, auch wenn es oft nur „Stoßgebete“ sind. Reden mit Gott als Tagesabschluss lasse ich mir trotzdem nicht nehmen. Die Kunst liegt darin, das Wichtige in Worte zu fassen, bevor der Schlaf mich erfasst. Dazu gehört für mich zum einen das wofür ich dankbar bin, zum anderen was ich loslassen möchte.

Trotz aller Maßnahmen bleibt Gebet ein Kampf für mich. Die Ironie dabei ist, dass ich es eigentlich besser wüsste. Während ich für das Jesus-Film-Projekt AERO 1997 an einer Gebetskette teilnahm und während der Vorträge von ProChrist 2003 mit dem Gebetsteam im Keller des Veranstaltungsorts saß, machte ich dieselbe Erfahrung: Man geht aus der Zeit des Gebets beschenkt heraus. Nach einem ProChrist-Abend hatte ich sogar das Gefühl, mehr beschenkt worden zu sein als die Leute, die während dessen im Vortrag saßen. Der wichtigste Schritt ist, sich darauf einzulassen, Gebet nicht „zu klein zu denken“, sondern von Gott alles zu erwarten. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten heißt es dazu im Jakobusbrief (Jak 5,16). Wenn das nicht Mut zum Gebet macht!

(Rainer, 50; 19. Juli 2020)

 

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