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Zeugnis ablegen von meinem Glauben

Zeugnis ablegen von meinem Glauben - Das fordert mich, das erschreckt mich: Wie mich erklären, wie meine Widersprüche verständlich machen, was von mir preisgeben? Ich möchte ehrlich sein, gerade auch gegenüber mir selbst.

Wo beginne ich? Beim kindlichen Glauben, dem Fundament, das mich immer noch trägt? Ich bin nicht allein, ich spüre Gottes Gegenwart in mir, eine Wärme und Sicherheit in der Brust, ein sich Fallenlassen können, eine Liebe. Ein Ansprechpartner in allen Lebenslagen, der nicht wertet, dem ich alles erzählen kann, wenn ich mich über etwas freue, wenn ich Angst habe, wenn ich verzweifelt bin.

Oder soll ich von meinen Zweifeln sprechen, meinem Widerspruchsgeist, meiner Freiheitsliebe und dem Nichtakzeptieren von zu vielen Regeln und Dogmen?

„Du warst doch auf Urlaub“, war die Anregung, „die Schönheit der Natur, die Berge“ – Ja, die Natur kann wunderschön sein oder auch unberechenbar und zerstörerisch. Ich bin Naturwissenschafterin – die Erde, wie wir sie heute sehen war nicht die gleiche vor tausenden, hunderttausenden, Millionen, Milliarden Jahren. Sie ist stetigen Veränderungen unterworfen und wurde doch nicht genauso für uns erschaffen, es ist ein Prozess aus Werden und Vergehen, aus dem Entstehen und Verschwinden von Erdzeitaltern, Kontinenten, Bergen, Meeren, Tier- und Pflanzenarten, seit über 4 Milliarden Jahren. Ich tue mir schwer, dahinter allein Gott zu sehen.

Raoul Schrott beschreibt die zeitlichen Proportionen unseres Daseins, der vermeintlichen „Krone der Schöpfung“ in seinem umwerfenden „Erste Erde Epos1“ so: Aufgrund unterschiedlicher Ableitungen wird das Alter des Universums mittlerweile auf 13,82 Milliarden Jahre berechnet. Übertragen auf die 365 Tage eines Jahres, entspräche ein Tag 37,8 Millionen Jahren. Am 16. Dezember käme es so zur kambrischen Explosion, am Heiligen Abend zum schlimmsten der fünf großen Massensterben und darauf beherrschten dann die Saurier bis zum 28. Dezember die Welt. Die durchschnittliche menschliche Lebensspanne umfasste so weniger als 0,2 kosmische Sekunden.

Und doch, die Bilder des Beginns, sind sich in Genesis und Wissenschaft nicht unähnlich: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war noch leer und öde. Dunkel bedeckte sie und wogendes Wasser, und über den Fluten schwebte Gottes Geist. Da sprach Gott „Licht entstehe!“ Und das Licht strahlte auf.

Das erste Licht kann man durch die sogenannte Kosmische Hintergrund-strahlung immer noch wahrnehmen. Durch den Nebel im Anfang des Universums konnte hunderttausende Jahre kein Licht dringen, erst als die ersten Elemente entstanden, wurden die Lichtphotonen im Nebel nicht mehr gestreut und konnten sich ausbreiten.

Und auch Wasser als Ursprung des Lebens: Gott nannte das Land Erde, die Sammlung des Wassers nannte er Meer. [..] Dann sprach Gott: „Das Wasser soll von Leben wimmeln ...“ Für die Entstehung des Lebens sind nur 3 Bausteine nötig: Minerale, Wasser und Kohlendioxid. Werden sie von Energie durchflossen können sich über Kettenreaktionen die grundlegenden Bauteile des Lebens bilden – Fette, Kohlenhydrate, Nukleinsäuren und Eiweiße – die sich allesamt im flüssigen Wasser aufbauen. Also doch, die Möglichkeit einer Antwort.

Aber in diesen Bildern liegt mein Glauben nicht, liegt nicht der Grund, warum ich hier bin, von ihnen geht keine Anziehungskraft aus, sie sind keine Grundlage für persönliches Erleben.

Und das gibt es, fern jeder Erklärungsmöglichkeit, immer wieder aufs Neue und vor allem dann, wenn ich mich einlasse, wenn ich alles abgebe und nicht alles alleine schaffen will. Zum Beispiel eine chaotische Rückreise aus der USA mit Anfang 20, vom Freund im Stich gelassen, mit dem letzten Geld den letzten Platz im Flieger ergattert. Und am Sitzplatz neben mir ein väterlicher Herr, der von sich aus Trost spendet, zuhört, Mut gibt, mich aufrichtet.

Oder noch nicht lange her, unzählige Projektanträge, die meine Anstellung, meinen beruflichen Fortbestand sichern sollten, abgelehnt. Ein Anspiel zur Weihnachtszeit darüber, dass man seine Lasten, seine Koffer voller Sorgen doch einfach an Jesus abgeben sollte. Wenn es Dich gibt, Jesus, dann zeig es doch - mein wütender Gedanke und Ja, ich vertraue Dir jetzt ganz bewusst, ich lasse mich fallen, dass doch alles gut wird - mein Einlassen auf die Einladung.

Und es wurde alles gut, auf rationaler Ebene nicht zu erklären und doch persönlich erlebt.

Ich denke, das beschreibt mich und meinen Glauben ganz gut.

(Sigrid, 48; 2. August 2020)

 

1 Raoul Schrott. Erste Erde. Epos. Carl Hanser Verlag München 2016.

 

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